Dr. holger Löhrer
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Auditive- Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen (AVWS)

I. Informationen zum Krankheitsbild

schematische Darstellung der zentralen Hörbahn           Als auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen bezeichnet man Störungen der zentralen (d.h. im Gehirn stattfindenden) Verarbeitung akustischer Stimuli bei intaktem peripherem Gehör. Diese Störungen können sich in verschiedenen Teilfunktionsbereichen in unterschiedlicher Ausprägung zeigen.

Die Hörverarbeitung beinhaltet die Weiterleitung, Vorverarbeitung und Filterung von auditiven Informationen und Signalen und  findet im  Hörnerven, im  Hirnstamm und im Kortex (Hirnrinde) statt. Die Hörwahrnehmung ist die bewusste Analyse auditiver Informationen, die, je weiter die Information Richtung Kortex gelangt oder von anderen zentralen Prozessen beeinflusst wird, zunehmend differenzierter wird. Die Hörwahrnehmung selbst ist Teil der sog. Kognition. Deshalb werden nach der neueren Definition Defizite oder Fehlfunktionen in diesem Bereich auch als auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung (AVWS) bezeichnet.

Der Ablauf von Hörwahrnehmung und -verarbeitung ist  komplex und primär akustischer Kortex (Hörrinde)abhängig von anderen zentralen Verarbeitungs- und Wahrnehmungsprozessen (z.B. Aufmerksamkeit,  Sehwahrnehmung, Intelligenz, usw.). Die AVWS kann assoziiert sein mit Sprachverständnis- und Sprachentwicklungsstörungen oder mit Lernstörungen. Das Thema AVWS ist auch Gegenstand moderner Hirnforschung, von der in den nächsten Jahren weitere Impulse zu erwarten sind.

Nach neueren Untersuchungen tritt die AVWS mit einer Prävalenz von 2 bis 3 Prozent auf. Das Verhältnis männlich zu weiblich beträgt 2:1. Es  fällt auf, dass sich die AVWS     zu einer Art  „Modekrankheit“ entwickelt, wobei der Begriff  AVWS oft inflationär und schnell in den Raum gestellt wird. Darum bedarf  es zur Abklärung des Störungsbildes einer gründlichen Diagnostik um die Defizite im Bereich der Hörwahrnehmung beurteilen zu können und das Herausarbeiten der betroffenen Teilbereiche, um dann gezielt therapieren zu können. Entscheidend für die Diagnostik einer auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung ist somit der klinische Befund.

Die unten im Modell aufgeführten Teilfunktionen bzw. Teilbereiche spielen bei der Beurteilung einer AVWS eine wichtige Rolle:

 

                                                          

II. Ursachen

Die Ursachen einer AVWS sind noch keineswegs in allen Einzelheiten erforscht. Zusammenfassend lassen sich folgende ursächliche Hinweise für die einzelnen auditorischen Defizite (s.o.) nennen:

1. Hörbahnreifungsverzögerungen:

  • auditorische Deprivation (Reifungsstörung der zentralen Hörbahn)
  • zurückliegende Hörstörungen von langer Dauer (z.B. Mittelohrprobleme im Kindesalter)

2. Neurobiologische Störungen
mit genetischem Hintergrund (familiäre Häufungen der AVWS)

3. Störung der allgemeinen und kognitiven Entwicklung
(z.B. Hirnreifungsverzögerungen, „minimal cerebral dysfunction“, frühkindliche Hirnschädigung)

4. Umwelteinflüsse
(z.B. fehlendes oder fehlerhaftes Lernangebot)

III. Diagnostik in meiner Praxis

Zur Diagnostik der AVWS werden in meiner Praxis verschiedene Tests durchgeführt. Ein auffälliges Testergebnis bedeutet noch nicht, dass bei Ihrem Kind eine AVWS vorliegt. Erst die Kombination verschiedener Testergebnisse lässt diese Diagnose zu.
Oft liegen andere Störungsbilder vor, wie z.B. eine Aufmerksamkeitsstörung oder eine Lese- Rechtschreibproblematik,  welche zusätzlich abgeklärt werden müssen. Die Abgrenzung der AVWS zu anderen Störungsbildern durch eine gezielte und umfassende Hörverarbeitungsdiagnostik  ist deshalb unerlässlich.

Vor jeder AVWS- Diagnostik wird selbstverständlich erst das periphere Hören getestet, da Hörstörungen (und sei es nur durch einen Infekt mit Mittelohrbeteiligung) zu falschen Ergebnissen bezüglich der auditiven Wahrnehmung führen.

Ziel der Diagnostik muss es sein, das komplexe Bild einer  auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung diagnostisch abzubilden und gleichzeitig die Differentialdiagnosen (d.h. andere Störungsbilder wie z.B. das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, u.a.) zu beachten. Ein einfaches „Screening“, d.h. ein mehr oder weniger oberflächliches Suchen nach möglichen Hinweisen auf eine AVWS mit „Schnelltests“ wird dem Störungsbild nicht gerecht und führt oft nur zur Verunsicherung der betroffenen Eltern. Eine umfassende Diagnostik ist somit Grundlage für die weiteren diagnostischen oder therapeutischen Entscheidungen.
Bei allen Testverfahren die angewendet werden gehört es zum Standard in meiner Praxis, dass alle Tests in speziellen Räumen unter den gleichen Bedingungen durchgeführt werden. Die sprachgebundenen Tests werden von CD`s mit einem professionellen Sprecher abgespielt, wobei die Lautstärkeregelung über  kalibrierte Audiometer eingestellt wird.

Folgende Untersuchungen können in meiner Praxis durchgeführt werden (teilweise altersabhängige Verfahren):

Messung Patient mit Kopfhörer1. Subjektive Verfahren

  • akustische Selektion (Sprachverstehen im Störlärm)
  • dichotisches Hören (beidohrige Hörverarbeitung)
  • akustische Selektion (Richtungshören)
  • zeitkomprimierte Sprache
  • Heidelberger Vorschulscreening zur auditiven Wahrnehmung und Sprachverarbeitung (HVS)
  • Heidelberger Lautdifferenzierungstest (HLAD)
  • Prüfung der auditiven Merkfähigkeit (PET)
  • Wortergänzungstest (Audiva, PET)
  • Lautverbindung (Audiva, PET)
  • Sprachscreening für das Vorschulalter (SSV, aus SETK 3-5)

 

2. Objektive Verfahren
(Testverfahren ohne aktive Mitarbeit des Patienten)

  • Hirnstammaudiometrie (BERA)

Hirnstammaudiometrie,  BERA MessungBei der BERA (Brainstain electric Response Audiometrie oder zu Deutsch Hirnstammaudiometrie) handelt es sich um ein objektives Hörprüfverfahren, bei dem durch akustische Reize ausgelöste Änderungen im Elektroenzephalogramm (EEG) registriert werden. Die BERA ist also ein „EEG fürs Hören“. Die akustischen Reize werden über einen Kopfhörer gegeben (kurze Klicks) und die Ableitung der Reizantworten erfolgt über Hauklebelektroden am Kopf. Das Verfahren ist völlig schmerzfrei und auch die akustischen Stimuli über den Kopfhörer sind nicht unangenehm. Besonders gute Ergebnisse erzielt man wenn der Patient ruhig liegt oder sogar kurz einschläft.

Durch Variation der akustischen Reizform und der elektrischen Aufnahmeparametern können Reizantworten aus dem gesamten Bereich der Hörbahn abgeleitet werden. Der diagnostische Wert der BERA liegt neben der Möglichkeit der objektiven Bestimmung der Hörschwelle vor allem in der topischen Diagnostik (d.h. der Lokalisation) von Hörstörungen oder Funktionsstörungen der zentralen Hörbahn.

 

Die BERA wird vor allem zu folgenden diagnostischen Zwecken eingesetzt:

  • Hörschwellenbestimmung bei Verdacht auf eine Hörstörung oder zur genauen Schwellenbestimmung bei einer bekannten Hörstörung
  • Objektive Hördiagnostik bei unklaren Audiometriebefunden
  • Lokalisationsbestimmung der Hörstörung, d.h. zu unterscheiden ob eine kochleäre (die Hörschnecke betreffend) oder retrokochleäre (den Hörnerven oder die zentrale Hörbahn betreffend) Hörschädigung vorliegt.
  • Funktionsstörungen der zentral- auditiven Wahrnehmung und Verarbeitung bei Kindern. Hierbei geben z.B. Laufzeitverlängerungen der Hörnerven oder Seitendifferenzen der elektrischen Potenziale Hinweise auf Dysfunktionen (Funktionsstörungen) im Bereich der zentralen Hörbahn.

OAE-Messung beim KindIn der Hörschnecke (Kochlea) gibt es 2 Arten von Sinneszellen (sog. Haarzellen) die an der Schallverarbeitung beteiligt sind. Die äußeren Haarzellen verstärken den Schall im Innenohr. Die inneren Haarzellen nehmen den verstärkten Schall auf. Die äußeren Haarzellen sind in der Lage auf akustische Reize aktiv Schall zu emittieren. Diese Otoakustischen Emissionen können über eine spezielle Sonde im äußeren Gehörgang gemessen werden und zeigen die Funktionstüchtigkeit der Hörschnecke an.
In folgenden Bereichen werden die Otoakustischen Emissionen eingesetzt:

  • Neugeborenenhöscreeening
  • Objektive Hördiagnostik bei Kindern bei unklaren subjektiven Hörtests
  • Unterscheidung einer Innenohrhörstörung von einer weiter zentral (retrocochleär, den Hörnerven betreffend) liegenden Hörstörung 
  • Verlaufkontrollen bei der Gabe von  Innenohrtoxischen Medikamenten (z.B im Rahmen einer Chemotherapie)