Dr. holger Löhrer
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Hörstörungen - Kindesalter

I. Informationen zum Krankheitsbild:

Zum Zeitpunkt der Geburt ist die Hörschnecke (Kochlea) ebenso angelegt wie der Hörnerv und die zentrale Hörbahn. Die weitere Entwicklung der Hörbahn erfolgt  stufenweise, wobei die Verschaltung der Nervenzellen (Synaptogenese) und somit die Hörfähigkeit in Abhängigkeit von den auf das Gehör einwirkenden akustischen Reizen entwickelt. Nach heutigem Kenntnisstand entwickelt sich die Hörbahn bis zum 10. Lebensjahr, doch die ersten Jahre gelten als die sensibelsten und wichtigsten. Fehlende akustische Reize führen zur auditorischen Deprivation, d.h. zur ‚Verkümmerung’ der Hörfähigkeit. Aufgrund des engen Zeitfensters ist eine Früherkennung von kindlichen Hörstörungen besonders wichtig. So liegt der optimale Zeitpunkt z.B. einer Hörgeräteversorgung bei einer angeborenen Innenohrschwerhörigkeit innerhalb des 1. Lebensjahres. Ein normales Hörvermögen ist wesentliche Voraussetzung für den Spracherwerb eines Kindes und damit  auch für die schulische und berufliche Entwicklung.

II. Ursachen kindlicher Hörstörungen:

Angeborene oder frühkindliche Hörstörungen:

Tonaudiogramm InnenohrschwerhörigkeitIn den meisten  Fällen  handelt es sich um eine Innenohrschwerhörigkeit mit einer Häufigkeit von 1: 1000 Geburten, bei hochgradiger Schwerhörigkeit , bzw. Taubheit ist das Verhältnis 2: 100 000. Risikofaktoren sind familiär gehäufte Hörstörungen, angeborene Fehlbildungen oder Syndrome, Infektionen während der Schwangerschaft (Röteln, Toxoplasmose, Zytomegalie, Listeriose) oder Alkohol und Medikamente. Auch eine Sauerstoffunterversorgung während der Geburt  oder ein Geburtsgewicht unter 1500 g gelten als Risikofaktoren, ebenso wie  Hirnhautentzündungen oder ototoxische (gehörschädigende) Medikamente in der frühen Phase nach der Geburt.

 

Mittelohrbelüftungsstörungen (Tubenventilationsstörungen):

Diese mit Abstand häufigste Form der Hörstörung bei Kindern  führt zu serösen oder mukösen Sekretansammlungen (siehe "Mittelohrergüssen, Ohrmikroskopie") im Mittelohr. Daraus resultiert eine sogenannte Schallleitungshörstörung (siehe "Tonaudiogrammausduck Schallleitungshörstörung), die je nach Zustand des Mittelohres in der Ausprägung schwankt. Dauerhafte Mittelohrprobleme können zu Sprachenwicklungsstörungen, Konzentrationsstörungen oder nachlassenden schulischen Leistungen führen.

 

Häufige Ursache für diese Tubenfunktionsstörungen sind vergrößerte Rachenmandeln (siehe "Adenoide im Nasenrachen, endoskopisches Bild") im Nasenrachen. Sie verlegen die Tubenwülste, also den Zugang zur Tube (Eustachsche Röhre),  die das Mittelohr normalerweise belüftet. Auch Allergien oder  Nasenmuschelvergrößerungen können Ursachen für Mittelohrbelüftungsstörungen sein.

Mittelohrfehlbildungen:

Schallleitungshörstörung und dennoch normaler Mittelohrbelüftung (normaler ohrmikroskopischer Befund und Impedanzmessung)  muss immer auch eine kleine Fehlbildung der Mittelohrknöchelchen in Betracht gezogen werden.

Gehörgangsstenosen- oder Atresien:

Teilweise oder vollständige Verschlüsse des Gehörganges führen ebenfalls zu Hörstörungen. Diese Veränderungen treten häufig mit anderen Fehlbildungen (z.B. der Ohrmuschel) oder bei Syndromerkrankungen auf.

Spaltbildungen:

Gaumen oder Lippen- Kiefer- Gaumenspalten führen häufig zu Mittelohrbelüftungsstörungen (Anm.: weitere Informationen)

Kindliches Cholesteatom:

Chronische Eiterung des Mittelohres mit Knochenbeteiligung, die entweder angeboren sein kann,    häufiger jedoch   infolge von Mittelohreingriffen auftritt, wobei das in die Mittelohrschleimhaut eingebrachte Gehörgangs- oder Trommelfellepithel Ursache der chronischen Eiterung ist.

Kindliche Otosklerose:

(siehe Erwachsene)

III. Diagnostik in meiner Praxis:

Ohrmikroskopischer Befund:


Zu jeder HNO-ärztlichen und pädaudiologischen Untersuchung gehört ein ohrmikroskopischer Befund des Gehörganges und des Trommelfelles. Hierbei wird insbesondere der Zustand des Trommelfelles beurteilt.

Endoskopische Nasenrachenuntersuchung:

Bei weitergehenden Fragestellungen oder zur Beurteilung der Rachenmandeln (siehe "Mittelgradige Adenoide") wird der Nasenrachen mit einer kleinen starren Optik untersucht.

 

Hördiagnostik bei Kleinkindern bis ins Schulalter

Durchgeführt werden alters- und entwicklungsangepasste Hörtestverfahren.

1. Untersuchungen bis zum 2. Lebensjahr :
  
Objektive Hörtestverfahren
(OAE, Berascreening,Impedanzmessung)
   
Siehe auch  Neugeborenenhörscreening
  

Freifeldreaktionsaudiometrie

Hierbei werden die Reaktionen der Kinder auf Wobbeltöne,  
kindgerechte Geräusche und Kinderlieder im freien
Schallfeld beobachtet. Bei Kleinkindern sind         
insbesondere Augenbewegungen, Lidschluss oder leichte
Kopfbewegungen mit Hinwendung zur Schallquelle aufschlussreich.

Die Reaktionen der Kinder auf Geräusche sind altersabhängig. So ist eine Hörreaktion des Säuglings erst auf lautere Geräusche  nicht notwendigerweise besorgniserregend (siehe Tabelle). Die Abbildung zeigt die Freifeldmessanlage in meiner Praxis.

Neugeborene    80 dB
bis 3 Monate      60 dB
bis 6 Monate      40 bis 50 dB
bis 1 Jahr           30 bis 40 dB
bis 2 Jahre         20 bis 30 dB

Tab: normale altersabhängige Reaktionsschwellen im Freifeld
(siehe "Freifeldanlage zur Hörtestung in meiner Praxis")

 

2. Zusätzliche Audiologische Untersuchungsmethoden im 2.- 4. Lebensjahr

  • Freifeldreaktionsaudiometrie mit Geräuschen und Wobbeltönen
  • Tonschwellenaudiometrie mit Kopfhörer
    (teils spielaudiometrisch)
  • Ab ca 3,5 Jahren sind auch Knochenleitungsmessungen möglich
  • Mainzer Kindersprachtest 1 bis 2


3. Zusätzliche audiologische Untersuchungen im 4.- 6 Lebensjahr

  • Tonaudiometrie mit Knochenleitung
  • Mainzer Kindersprachtest 2 bis 3
  • Zwischen dem  6.-8. Lebensjahr sollten prinzipiell auch alle Erwachsenenhörtests möglich sein. Zudem können ab diesem Alter audiologische Untersuchungen zur auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitung durchgeführt werden.